Insekten haben keine Lobby

Umwelteinflüsse und Pestizideinsatz schädigen Insekten. Es muss dringend gegengesteuert werden.
Harald Klingenbiel (links) morderierte den Abend mit Dr. Martin Sorg.

Wer erinnert sich noch an die Zeit, als nach längeren Autofahrten im Sommer viele Insekten auf der Windschutzscheibe klebten? Heute ist das nicht mehr so. Aber wann hat es nachgelassen? Und was ist die Ursache für den merkbar geringeren Insektenbestand?
Antworten erhofften sich gestern rund 150 Naturfreunde und Imker, die ins Alte Rathaus unserer Stadt kamen, um den Ausführungen von Dr. Martin Sorg zu folgen. Der Biologe und Entomologe hielt auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen einen Vortrag mit dem sachlich-sperrigen Titel "Bestandsrückgänge von Fluginsekten in Offenlandbiotopen der Kulturlandschaft".
Bekannt wurde der Wissenschaftler im vergangenen Sommer, als er die Ergebnisse einer Langzeitstudie des Krefelder Entomologischen Vereins veröffentlichte: Standorte im Offenland im Orbroicher Bruch bei Krefeld wiesen Verlustquoten von 75 % besonders in den Monaten Juli und August auf. Martin Sorg betonte, diese Zahlen seien nicht auf Gesamtdeutschland zu übertragen. Was betroffen macht: Wie es anderswo aussieht, weiß man nicht - denn es gibt keine vergleichbaren offziellen Studien. Der Verein untersuchte die Insektenbestände in Schutzgebieten in NRW, Rheinland-Pfalz und Brandenburg und an diesen Standorten seien Insektenverluste von 20 bis 75 Prozent verzeichnet worden, so Sorg.

Wissenschaftliche Studien fehlen

Einige Thesen zur Ursache des  Insektenschwundes. Sorry für die Qualität der Bilder, aber der Saal war brechend voll - und von hinten gab es kein Durchkommen.... (Foto anklicken - dann wird's größer.)

Ausführlich erklärte der Biologe, wie die Vereinsmitglieder Insekten fangen und ihre Beute auswerten. Er unterstrich dabei seinen wissenschaftlichen Ansatz, denn der Verein wurde häufig in die Ecke der Hobbyforschung und Liebhaberei gerückt.
Die Ursachenforschung für die dramatische Entwicklung wird erschwert, weil Basisdaten an Fallenstandorten nicht erfasst, bzw. zur Verfügung gestellt werden - beispielsweise, welche Pflanzenschutzmittel und Pestizide auf den Äckern rundherum ausgebracht werden.

Als problematisch für den Insektenbestand an den Forschungsstandorten sah er folgende Punkte:
- Pestizide werden auch innerhalb der Schutzgebiete ausgebracht.
- Die Mittel haben heute eine Breitbandwirkung.
- Die Wirkung der Mittel ist um ein Vielfaches höher als früher. Auf einzelne Insektenarten wirkten sie 1000 bis 10000 mal toxischer als DDT.
- Die Substanzen haben zum Teil lange Halbwertszeiten und sie reichern sich in Sedimenten an.
- Viele Mittel sind wasserlöslich.
- Die Schutzgebiete haben von ihrer Form her oft lange Außenlinien mit Kontakt zu Ackerflächen (längliche Form).
- Es kommt zu Kaskadeneffekten: Ausfällen im Artenspektrum, weil einzelne Arten aussterben und als Nahrung nicht mehr zur Verfügung stehen.

Blühstreifen als Insektenfalle
Das war alles schon sehr bedrückend. Martin Sorg bezeichnete die Art, wie mit der Natur umgegangen wird, als "einen großen Freilandversuch" mit vielen Mitteln, deren Wirkung auf Lebensgemeinschaft getestet werde.
Ja, und dann freut man sich  - so als Insektenfreund - dass Landwirte verstärkt Blühstreifen an den Feldern anlegen und muss dann hören, es sei an bestimmten Standorten kontraproduktiv. Ein Blühstreifen direkt an einem konventionell bearbeiteten Acker lockt mit seinen bunten Farben Insekten in einen Lebensraum der für sie nicht geeginet ist. Denn er bietet keine Brut- und Überwinterungsorte. Dabei sind die Blumen unter Umständen mit Pestiziden kontaminiert.

Nun habe ich schon viel ausführlicher berichtet, als ich wollte. Ihr habt sicher bemerkt, dass mir seit einiger Zeit die Gelegenheit zum Bloggen fehlt. Wer noch weiter lesen möchte, schaue hier: Entomologischer Verein Krefeld,
Pestizide und das Ende unserer Insekten, GEO
Insektensterben: Ein ökologische Armageddon, Zeit

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